Die Kraft einer leeren Leinwand
- Katja Burkhardt
- 21. Aug. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Da ist es – still an der Wand gelehnt, frisch und unberührt. Eine neue Leinwand. Ein neuer Anfang.
Der Anblick einer leeren Leinwand berührt jeden Künstler tief. Sie ist Einladung und Herausforderung zugleich, ein Raum unendlicher Möglichkeiten und ein Spiegel unserer inneren Welt. Wenn ich eine neue Leinwand wie die auf dem Foto auspacke, überkommt mich immer ein kurzer Moment der Ehrfurcht – und ein kleiner Anflug von Angst.
Denn seien wir ehrlich: Etwas Neues zu beginnen, kann entmutigend sein. Diese riesige, weiße Fläche symbolisiert nicht nur kreative Freiheit; sie spiegelt auch jede Unsicherheit wider, die ich je hatte. Was, wenn ich es ruiniere? Was, wenn nichts Gutes dabei herauskommt? Was, wenn die Inspiration nicht kommt und ich einfach endlos darauf starre?
Diese Gedanken begleiten uns zu Beginn jedes Projekts. Die leere Leinwand konfrontiert uns mit unserem Perfektionismus, unseren Selbstzweifeln und manchmal auch mit dem Druck vergangener Erfolge. Wird das neue Werk dem letzten gerecht? Oder schlimmer noch: Was, wenn es überhaupt nichts erreicht?
Und doch liegt in dieser Phase auch Magie. Sie ist ein Portal in eine Welt, die noch nicht existiert. In diesem Moment ist alles möglich. Ich kann experimentieren, erforschen und Chaos anrichten. Ich kann dem Prozess vertrauen – etwas, das ich mir tatsächlich an die Wand meines Ateliers geschrieben habe. Diese Erinnerung ist wichtig, denn sobald ich anfange, schwindet die Angst und die Neugier übernimmt.
Die Vorbereitung einer neuen Leinwand bereitet mir besondere Freude. Die Ränder abkleben, die ersten Hintergrundfarben mischen, Pinsel und Werkzeuge bereitlegen – diese Rituale erden mich. Sie markieren den Übergang vom Zögern zum Handeln. Mit jedem Schritt sehe ich nicht nur eine Oberfläche, sondern die ersten Andeutungen einer neuen Geschichte. Sie kann vielschichtig und abstrakt, ausdrucksstark oder sanft und nachdenklich sein. Ich werde es erst wissen, wenn ich meiner Intuition die Führung überlasse.
Manchmal wirken die ersten Schichten chaotisch oder sogar hässlich. Das gehört dazu. Ich habe gelernt, das Chaos als notwendig zu akzeptieren – als eine Art kreativen Kompost, aus dem etwas Sinnvolles wachsen kann. Jeder Strich, auch die, die ich später überdecke, spielt eine Rolle.
Was mich am meisten begeistert, ist, dass eine leere Leinwand nichts von mir verlangt, außer aufzutauchen. Nicht perfekt zu sein. Nicht alles herausgefunden zu haben. Einfach anzufangen.
Also bin ich hier und fange noch einmal von vorne an. Ich vertraue dem Chaos. Ich vertraue mir selbst. Ich lasse das Ergebnis los und stürze mich in das Abenteuer, aus dem Nichts etwas zu machen.
Denn genau das ist Kunst: ein Tanz zwischen Mut und Spiel, Angst und Freiheit. Und jede leere Leinwand ist eine Chance, erneut zu tanzen.





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